In den Untergrund katapultiert

Emilia Smechowski schrieb in der taz.am Wochenende darüber, wie sich die Polen, die größte Einwanderergruppe in Deutschland, unsichtbar machen – und warum. Unsere Autorin Magdalena Jagelke („Sich in Polen einen Bob schneiden lassen„) las den Artikel, fand einiges Vertrautes, einiges Verstörendes. Hier ist ihr Beitrag:

2006 berichtete der Spiegel über Zaneta C. und Mehmet A. und die zu Tode gefolterte Tochter des deutschpolnisch-türkischen Duos. Durch BILD und andere Zeitungen gelangte die Story über Karolina R., eine Deutsch-Polin an die Oberfläche, die für ihren deutsch-algerischen Mann, einen IS-Kämpfer, eine größere Summe aufgetrieben haben soll. Im Juni 2015 schreibt eine taz-Redakteurin polnischer Herkunft, dass die Polen eher Deutsche heiraten als Polen und dass die Schwester der Redakteurin einen Deutschen geheiratet hat. Auch meine Schwester hat einen Deutschen geheiratet, keiner der Verwandten in Polen wollte deshalb eine Teufelsaustreibung bei ihr vornehmen lassen, bei mir schon, ich war mit einem Marokkaner, einem Muslim, verheiratet.

Einiges in dem Artikel kam mir vertraut vor, und Erinnerungen kamen hoch. In unserer Einwanderungsgeschichte ging es ebenfalls Schlag auf Schlag, aus dem Übergangslager in die Ämter, und plötzlich fanden sich unsere Eltern akademisch enteignet und im Niedriglohnsektor wieder, ihre Diplome hatten keine Bedeutung mehr, mit deutscher Gründlichkeit hatte man sie in den Untergrund katapultiert.

Wir bekamen die Verachtung zu spüren. Es hatte nicht nur, aber auch mit dem Kommunismus zu tun. Man begriff uns als Feinde, die aus den kommunistischen Strukturen, mit solch einer Bildung, hierherkamen. 1986 war der Kalte Krieg noch im Gange. Ich erinnere mich an die verbalen Angriffe, von denen meine Eltern nach Feierabend erzählten, an meine Probleme in der Schule, an Kaugummi in meinen Haaren.

Wir zogen in eine andere Wohnung. Mutter freundete sich mit der Nachbarin aus Laos an. Viele Osteuropäer wohnten in dem Viertel. Die Mutter meiner Freundin war aus der Türkei. Großvater und Großmutter wohnten schon dort, sie sind vor uns in die BRD gegangen. Mein galizischer Großvater und meine deutsche Großmutter, doch vom Prahlen über die Wehrmacht-Deutschen, denen man den Pass verdankt, halte ich nicht viel. Rest in Peace, Großmutter Erika.

Der Stadtteil ist ein deutsches Banlieue geblieben, nur die Zusammensetzung der Migranten änderte sich mit der Zeit.

Wir lernten die Regeln des Marktes kennen. Alles, was am Fortkommen hindert, den Weg zum Aufstieg versperrt, muss getilgt werden, notfalls auch bei sich selbst. Einwanderer aus bestimmten Regionen gelten zuerst einmal als weniger leistungsfähig. Das löst unter Umständen Minderwertigkeitsgefühle aus, sogar die Verachtung seiner selbst, man versucht, die Herkunft zu leugnen, nicht aufzufallen, sich anzupassen, man macht sich unsichtbar.

Die Haarfarbe lässt sich vielleicht durch eine Tönung ändern, die Augenfarbe durch Kontaktlinsen, man kann durch Stretchwäsche Fettpölsterchen verschwinden lassen. An einem fremdländisch anmutenden Akzent kann man in Deutschkursen arbeiten. Vater hat unseren Nachnamen ändern lassen, damit er „deutscher“ klingt.

Ein Freund, der in Polen Arzt war, beging Selbstmord, es hieß, weil ihm der Einstieg in den deutschen Markt nicht gelingen wollte. Das war vor Jahren. Zeiten ändern sich. Heute werden Tote an die Küsten herangeschwemmt.

Die Müden, meint: vom Markt Müden, scheinen dem Markt nicht zu schaden. Im Gegenteil, die Human Resources wirken höchst austauschbar, scheiden Kräfte aus, es tauchen neue auf, und die Konkurrenz verschärft sich einmal mehr.

Man macht solange eine Shopping-Tour. Man verschlingt Pommes, man trinkt die Sprite aus. Man bildet sich weiter. Man lernt ja nie aus. Oder man liest Artikel über unsichtbare Polen.

Magdalena Jagelke

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