„Es geht in jeder Kunst immer nur darum, Menschen zu bewegen“

Stefan Beuse, 1967 in Münster geboren, lebt in Hamburg. Er hat u.a. als Fotograf, Texter und Journalist gearbeitet. Stefan Beuse gewann zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 1999 und den Hamburger Förderpreis für Literatur (1998, 2006 und 2013). Im Frühjahr 2005 war er Writer in Residence an der Cornell University in Ithaca, New York. Bei Culturbooks sind von ihm bisher fünf Titel erschienen, u.a. das Album „Warten auf die Löwen“. Sophie Sumburane sprach mit ihm über kurze Geschichten und lange Wege in die Literatur.

Stefan Beuse (c) Luka Borgerding
Stefan Beuse (c) Luka Borgerding

Sophie: Die Form der Kurzgeschichte führt eher ein Schattendasein in der Welt der Leser. Du hast in deiner Karriere aber schon sehr viele in verschiedensten Medien veröffentlicht, einige sind gesammelt bei CulturBooks erschienen. Findest du es schade, dass die Kurzgeschichte eher unterrepräsentiert ist?

Stefan: Sehr schade. Es gibt so wenig Kurzgeschichtenbände, und darunter sind so wenig gute. Verlage wollen natürlich lieber Romane und veröffentlichen dann irgendwann auch die Kurzgeschichten ihrer Romanautoren. Das sind aber oft nur lustlos gerundete Fingerübungen oder nicht verwendete Szenen. In den USA beispielsweise genießt die Kurzgeschichte als Kunstform einen ganz anderen Stellenwert.

Sophie: Schätzt du die Vorteile, die das eBook mit sich bringt, in Sachen „kurze Form“?

Stefan: Klar, die Kalkulation ist ja eine vollkommen andere. Damit klassische Verlage einen Text von 60 Seiten drucken und als Hardcover binden (und die Leser den Preis dafür zahlen), muss der Autor schon eine Legende sein. Per eBook dagegen kann auch mal ein spannender Essay, eine Kurzgeschichte oder eine aktuelle Brandrede veröffentlicht werden. Das ist natürlich ein enormer Vorteil, den CulturBooks erkannt hat und nutzt.

Sophie: Für eine Kurzgeschichte hast du sogar 1999 beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb in Klagenfurt den Preis des Landes Kärnten gewonnen …

Stefan: … und ich bin wirklich froh, dabei gewesen sein zu dürfen. Das war zumindest damals eine unvergleichlich entspannte und freundschaftliche Atmosphäre, mit tollen Menschen und anregenden Gesprächen. Weit ab von dem, was dem „Bewerb“ und dem Betrieb dort gern unterstellt wird.

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Sophie: Siehst du dich als Vertreter irgendeiner „Literaturströmung“?

Stefan: Nie drüber nachgedacht. Es gibt natürlich Autoren, die ein Genre bedienen oder die zufällig zur rechten Zeit das Richtige geschrieben haben, aber eine „Literaturströmung“ wird daraus ja erst durch Rezeption und Kritik. Als Autor kannst du nur das schreiben, was für dich gerade Sinn macht.

Sophie: Würdest du dein Schreiben als „politisch“ bezeichnen?

Stefan: Bei „Politik“ denke ich immer sofort an Tagesschau und Wahlzettel, an Macht und Angst und natürlich an die Politiker selbst. Diese Art von Politik langweilt mich. Aber im Wortsinn ist natürlich jedes ambitionierte Schreiben immer auch politisch. Es geht ja um Menschen und wie sie miteinander umgehen. Es geht ja in jeder Kunst immer nur darum, Menschen zu bewegen.

Sophie: Was hältst du von der aktuellen Literaturkritik?

Stefan: Wie überall gibt es auch da viel Gutes, Kluges und Großherziges – und viel Kleines, Kaltes und Ängstliches. Das liegt daran, dass Literaturkritik von Menschen verfasst wird, und jeder Mensch, den ich kenne, bewegt sich irgendwo zwischen den Polen „Liebe“ und „Angst“.

Sophie: … klassisches Feuilleton, Blogs?

Stefan: Siehe oben. Mit vielleicht dem Unterschied, dass Blogger aus dem vermeintlich naiveren Gestus des leidenschaftlichen Lesers heraus schreiben … während das klassische Feuilleton einem 1000-Seiten-Roman, für dessen Besprechung es nur vergleichsweise wenig Geld gibt und für die vielleicht kaum Platz zur Verfügung steht (während der Autor möglicherweise 10 Jahre hart daran gearbeitet hat), vermutlich nur schwer gerecht werden kann.

Sophie: Was stößt dir aktuell im Literaturbetrieb besonders auf?

Stefan: Mir stößt nichts auf. Ich habe nur nicht gern mit kleingeistigen, selbstgerechten, machtbesessenen, egoistischen Menschen zu tun – also solchen, die der Angst sehr nahe sind. Ob in einem Büro, an einer Bushaltestelle oder im Literaturbetrieb, spielt dabei keine Rolle.

Sophie: Hast du Vorbilder? Bzw siehst du dich in der Tradition von jemandem?

Stefan: Als ich jung war, fand ich Philippe Djian toll und wollte schreiben wie er. Seine frühen Texte zu lesen fühlte sich intensiver an als das Leben selbst. Das fand ich unglaublich, dass Literatur das kann. Ganze Sommernächte saß ich auf dem Balkon, habe französisches Bier aus winzigen 0,2-Liter-Fläschchen getrunken, Djian gelesen und das Gefühl gehabt, das Leben und die ganze Welt sind in mir. Was natürlich stimmt, aber es gibt einen Riesen-Unterschied, das nur zu wissen oder auch zu fühlen. Djian hat mich das zum ersten Mal fühlen lassen.
Und was die literarische Tradition angeht: Ich mag Autoren wie Kafka oder Hemingway, die allein durch das Abbilden von Oberfläche den hochkomplexen Kosmos des Menschseins erlebbar machen – die mir Dinge also zeigen und nicht erklären. Das Geheimnis der Welt liegt ja im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren. Hat Oscar Wilde glaube ich mal gesagt.

Sophie: Hat CulturBooks Vorteile, die du in den klassischen Verlagen vermisst? Du hast ja schon in den unterschiedlichsten publiziert.

Stefan: Abgesehen von Wendigkeit und Flexibilität vor allem die größere verlegerische Freiheit, eben weil das unternehmerische Risiko geringer ist. Verlage wie CulturBooks sind nicht darauf angewiesen, anspruchsvolle Literatur durch den kalkulierten Erfolg eines Diätratgebers zu finanzieren – und also in der glücklichen Lage, wirklich nur das machen zu können, was ihnen gefällt.

Sophie: Du hast unterschiedlichste Arten des Schreibens durchlebt. Vom Werbetexter zum Journalisten, Kritiker hin zum Autor. Woher kommt die Begeisterung zu schreiben?

Stefan: Das ist einfach die Kommunikationsform, durch die ich am besten in der Lage bin, Menschen das zu geben, was ich ihnen geben kann.

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2 Comments

  1. Hat dies auf Wort & Tat rebloggt und kommentierte:
    CULTURBOOKS! Hier ein feines Interview mit Stefan Beuse, geführt von Sophie Sumburane. Aber auch sonst solltet Ihr da mal reingucken in den eBook-Verlag.

    Gefällt mir

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