Flucht aus Bosnien: Safeta Obhodjas, „Die Bauchtänzerin“

Safeta Obhodjas führt uns mit ihrem Roman »Die Bauchtänzerin« in eine erfundene Stadt zwischen Orient und Okzident in einem gar nicht erfundenen Bosnien. Erzählt wird die Geschichte der jungen, verwöhnten und eigensinnigen Vildana Mulic, die einer Familie mit muslimischen Wurzeln entstammt, aber ganz und gar europäisch ausgerichtet ist. Vildana sucht ihren Platz in einer bunten Gesellschaft, die anfangs noch aus vielen unterschiedlichen Religionen und Kulturen besteht – um sich dann radikal zu nationalisieren und zu verändern und einer kreativen Modeschöpferin wie Vildana kaum mehr Raum zum Leben zu geben. Obhodjas nähert sich Vildana aus zwei Perspektiven: Sie nutzt die Fotografin Sandra für die distanzierte Beschreibung Vildanas und Kommentierung der gesellschaftlichen Umbrüche und lässt im Wechsel Vildana selbst zu Wort kommen. Ein Buch über Frauen zwischen den Kulturen – zwischen Europa und Orient –, was für ein spannendes und immer wieder wichtiges Thema! Bei uns erscheint »Die Bauchtänzerin« zum ersten Mal in deutscher Sprache und komplett überarbeitet. Hier der Prolog:

Obhodjas_Bauchtaenzerin_Cover240Prolog

Anziehen, ausziehen, wieder anziehen – in Windeseile wie ein ausgehungerter Modejunkie wechselte ich die Kleider vor dem Spiegel. Das Ergebnis – ernüchternd. Alle neuen Stücke in meinen Lieblingsfarben Schwarz, Lila, Grau und Grün erwiesen sich als zu weit für die Figur einer Bohnenstange. Zum Glück stand meine Schwester nicht neben mir, um mich mit ihrem Humor zu nerven: Sandra, bist du nicht ein wenig zu alt für die Karriere eines Models?

Mehrere Beschäftigte hasteten durch den Second-HandLaden der humanitären Organisation »Schwestern in Not«, wobei sie die Kleider sortierten und versuchten, in den Regalen Ordnung zu schaffen. Endlich nahm ein schwarzes Mädchen, dessen Kopf mit einem turbanähnlichen Schal bedeckt war, meine Verzweiflung wahr. Sie lächelte mich an, und ein Funke Freundlichkeit in ihren dunklen Augen weckte meine fast verschütteten Instinkte. Ich wollte ihr Antlitz durch die Linse sehen, ein Foto von ihr machen. Ein schnelles Abtasten der Brust, aber die Leere dort rief mir wieder meinen Verlust ins Gedächtnis. Meine Kamera hatte sich in dem Hab-und-GutKoffer befunden, der mir in Budapest gestohlen worden war.

Ich unterdrückte ein Schluchzen. Um mich unter Kontrolle zu halten, fing ich wieder an, die Kleiderstangen zu durchsuchen. Mode war nie mein Ding gewesen. Für meine Arbeit im Freien war mir in meinen jungen Jahren ohnehin sportliche Kleidung lieber gewesen, weil ich sie bequemer fand: Jeans, Lederjacke, Turnschuhe, Pullis … Jetzt, nachdem ich mehr als einen Monat mit einer durchlöcherten Hose und einem vom vielen Waschen verblassten T-Shirt herumgelaufen war, wurde mein Wunsch wach, etwas Anständiges anzuziehen.

Das schwarze Mädchen kam zu mir, steckte die von mir ausgewählten Kleider in eine Tüte, nahm mich am Arm und strahlte mich mit dem Weiß ihrer Zähne an. Sie gab mir ein Zeichen, ihr zu folgen. Verblüfft ließ ich mich führen, ohne zu ahnen, wohin. Zuerst gingen wir einen langen Korridor entlang, dann bogen wir nach links und dann nach rechts. Dort zeigte sie mir am Ende des Flurs eine Tür mit einem Schild in Großbuchstaben: Änderungsschneiderei.

Eine kurze Aufklärung in Englisch, hinter dieser Tür arbeite eine Schneiderin mit goldenen Händen, eine Zauberin, die mir die ganze Garderobe anpassen könne.

– Ich habe keine Zeit dafür – antwortete ich und gab ihr die Tüte zurück. – Meine Familie und ich, wir sind nur für kurze Zeit in Deutschland, in zwei, drei Wochen fliegen wir nach Amerika.

Sie ergriff wieder meinen Arm. – Diese Frau wird dir helfen. Eine Landsmännin von dir. Sie ist ein bisschen merkwürdig, aber sie kann fantastisch nähen, verstehst du. Sie hat mir eine Tracht genäht, für meine afrikanischen Tänze. Ich habe ihr nur ein Bild gezeigt, und sie wusste sofort, wie man das schneidert. Sie heißt Dana … nein, sie hat einen anderen Namen, aber wir nennen sie Dana. Sie hat eine Narbe auf der Wange, deshalb mag sie es nicht, wenn jemand sie anstarrt. Du solltest so tun, als ob du ihre Narbe nicht siehst. Stell’ ihr keine Fragen, sie hasst neugierige Menschen. Jetzt wirst du sie kennenlernen.

Zum Glück hatte ich während des langen Wartens in einer Flüchtlingsunterkunft in Zagreb meine Langeweile mit Englischlernen bekämpft. Sonst hätte ich nicht verstehen können, was das Mädchen sprach. Die »Schneiderin mit den goldenen Händen« wollte ich auf jeden Fall kennenlernen. Leider war sie nicht an ihrem Arbeitsplatz. Die Schwarze entschuldigte sich, sie habe vergessen, dass heute Donnerstag sei, und Dana habe Spätschicht. Sie überließ mir die Entscheidung, eine Stunde auf sie zu warten oder morgen wiederzukommen. Ich entschied mich zu warten, eine Stunde mehr oder weniger, das war doch egal. Die letzten Jahre waren ohnehin eine Geduldsprobe gewesen. Ich war schon im Besitz des schwarzen Gürtels in der Disziplin »Zeit totschlagen«. Sechzig Minuten – eine Kleinigkeit im Vergleich zu den vergangenen Jahren! Ich ging zur Toilette, dann machte ich einen Spaziergang durch die Korridore und steckte am Ende meine Nase in eine Halle, wo ein Mann, wahrscheinlich aus dem Vorderen Orient, die Kleider in Kartons packte, die er danach verklebte und auf einen langen Wagen stapelte.

– Wohin schicken sie die alten Kleider? – fragte ich und floh, als er mich auf Deutsch ansprach. Als ich die Tür der Änderungsschneiderei wieder öffnete, befand sich meine Schicksalsgenossin an ihrem Arbeitsplatz. Sie saß gebeugt zwischen einem Schneidertisch und einer Nähmaschine und entfernte den Reißverschluss einer Jacke. Das kann nicht sein!, dachte ich. Das ist wieder so eine Halluzination, eine Täuschung, die mir meine Sehnsucht nach bekannten Gesichtern vorgaukelt! Aber ich konnte nicht widerstehen, den vertrauten Namen auszusprechen.

– Vildana?

Die Näherin hob schnell den Kopf, und noch schneller senkte sie ihn wieder.

– Vildana, bist du das?

Keine Reaktion. Aber ich war mir sicher, das konnte nur sie sein.

– Hallo, du bist Vildana, nicht wahr? Vildana aus der Čaršija? Erkennst du mich etwa nicht?

Sie warf die Jacke auf den Tisch, und mit einer raschen Bewegung überprüfte sie, ob ihre lange Ponysträhne auch wirklich die Narbe auf ihrem linken Jochbein bedeckte. Danach sah sie mich an.

– Vildana, erkennst du mich wirklich nicht? Habe ich mich so verändert?

Ihre Nervosität hielt mich davon ab, weiterzureden. Sie wies auf einen Stuhl in der Ecke und fuhr in ihrer Arbeit fort. Flink wie ein Automat nähte sie den neuen Reißverschluss in die Jacke, und ich erkannte ihre Handbewegungen. Es gab keinen Zweifel mehr: Das war Vildana Mulić aus der Čaršija, meine entfernte Verwandte, die einst unzählige Male vor meinem Objektiv gestanden hatte. Wie viel Zeit war mittlerweile vergangen? Einige Jahrzehnte oder nur einige Jahre? Sie warf mir unter ihrem langen Pony einen misstrauischen Blick zu, ohne mich willkommen zu heißen. Dieser Blick ließ sich als Frage deuten: Sandra, welcher Teufel hat dich hierher gebracht? Doch das konnte mich auch nicht vertreiben. Ich setzte mich auf den Stuhl und wartete auf eine Erklärung. Nachdem sie die Jacke fertig hatte, nahm sie ein anderes Kleidungsstück und trennte die Nähte auf. Danach maß sie die Länge, wobei sie vor sich hin murmelte. Endlich schaute sie mir wieder ins Gesicht.

– Warum starrst du mich so an? Ich mache das, was ich mein Leben lang gemacht habe. Bist du glücklich, mich gefunden zu haben? Ja, ich bin Vildana, ich trage noch immer diesen Namen. Ich freue mich, dich wiederzusehen. Etwas sagt mir, dass ich mich freue. Aber ich kann dir das nicht zeigen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich sollte mich freuen, dich nach so vielen Jahren wiederzusehen, aber ich kann das nicht zeigen.

Was redet sie da? Hat sie noch alle Tassen im Schrank?, dachte ich. Ich erkannte ihre Stimme nicht wieder. Sie legte einen Rock auf den Tisch und schnitt den Saum ab.

– Unser Doktor, man nennt ihn Seelenklempner, er hat meine ganze Seele inspiziert. Er behauptet, darin gäbe es kein einziges Gefühl. Meine Gefühle seien abgestorben oder eingefroren. Ich denke, es ist besser so. Es gibt weder Freude noch Traurigkeit. Damit kann man leben – sagte Vildana, ohne den Ton zu wechseln.

Der Kloß in meinem Hals wurde dicker. Vildana setzte wieder ihre Nähmaschine in Gang und arbeitete eine Weile. Ein bisschen zerstreut beobachtete ich ihre Bewegungen, aber ich wagte nicht, sie weiter zu bedrängen. Sie warf mir hin und wieder einen Blick zu, verwundert, dass ich noch immer da war.

– Wie geht es euch, habt ihr alle überlebt? Was ist mit Ivos Herz, konnte es so eine lange Reise verkraften? – Die Stimme blieb weiterhin farblos, sodass ich den Eindruck hatte, einem Roboter gegenüberzusitzen, dessen Greifarme keine Ruhe fanden.

– Wir haben irgendwie überlebt. Aber das Warten in Zagreb war sehr hart. Mein Bruder ist sofort nach der Flucht aus der Heimat nach Amerika ausgewandert, aber wir wollten nicht mitgehen, weil Ivo noch immer die Hoffnung hatte, nach dem Krieg in unsere Stadt zurückkehren zu dürfen. Jetzt müssen wir aber doch meinem Bruder folgen, weil keine Rückkehr möglich ist. Auf dem Weg hierher geschah die Katastrophe. In Budapest wurde mir der Koffer gestohlen, mit allem, was ich hatte. Auch meine Kamera war drin, verstehst du? Sie haben mir meine Kamera gestohlen! – erklärte ich.

– Ich freue mich wirklich, dich wiederzusehen. Ich freue mich, habe ich gesagt. Du glaubst mir, nicht wahr? Und jetzt: Was willst du von mir? Ich habe viel zu tun, ich kann nicht den ganzen Tag dasitzen und mir anhören, wer was verloren hat. Ich freue mich, und jetzt lass mich in Ruhe! – fuhr mich Vildana an.

– Ich freue mich auch, dich zu sehen. »Schwestern in Not« haben mir diese Kleider geschenkt. Aber alles … alles ist zu groß – stotterte ich, beschämt wie nie zuvor in meinem Leben. Sie leerte den Inhalt meiner Tüte auf den Tisch und schaute auf die Kleidergröße.

– Glück gehabt. Das sind schöne Sachen, fast neu – murmelte sie. – Aber bist du sicher, gerade diesen Fummel zu wollen? Du warst früher immer sportlich gekleidet.

– Alles hat sich geändert, ich mich auch. Siehst du nicht, was ich anhabe, seit Wochen! Ich träume davon, endlich etwas Neues anzuziehen.

Sie nahm das Maßband und legte es mir an, wobei sie versuchte, mich zu trösten. Ich solle keine Bedenken haben, sie habe bereits viele Obdach- und Heimatlose schick ausstaffiert. Für die schwarze Schönheit dort, in dem Altkleiderlager, habe sie irgendeine afrikanische Tracht genäht. Sie wolle ihre Heimattänze nicht verlernen. Nach langem Schweigen fügte sie hinzu: – Von mir aus! Aber ich hasse tanzen, Folklore, egal wie es heißt, afrikanische genauso wie die vom Balkan oder orientalische.

– Vildana, bitte, sprich nicht so, ich kann das nicht ertragen – sagte ich.

– Vergessen wir das! Auf Wiedersehen! Ich habe zu tun.

Ich ging zu Fuß zurück zum Flüchtlingsheim und versuchte, mich zu beruhigen. Reue und schlechtes Gewissen lagen wie ein Stein auf meiner Seele. Ich hatte das Bedürfnis zurückzulaufen und mich bei Vildana zu entschuldigen: Verzeih’ mir bitte, weil ich um meinen gestohlenen Koffer gejammert habe.

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