Gastland Indonesien – nach der Messe

Photographer: Aelke Mariska Venue: Pullman Hotel Central Park, Jakarta
Photographer: Aelke Mariska
Venue: Pullman Hotel Central Park, Jakarta

Die Buchmesse ist vorbei, unsere Autorinnen sind glücklich und gesund in ihrer Heimat Indonesien angekommen. Wir haben viel über das Land und seine Literatur in den vergangenen Monaten erfahren dürfen und freuen uns, einiges davon dank der übersetzten Bücher weitergeben zu können: mit „Das Zigarettenmädchen“ von Ratih Kumala (eBook und Print bei Culturbooks) und „Pulang“ von Leila S. Chudori (eBook bei Culturbooks, Print bei Weidle). Beide Bücher erzählen auf sehr unterschiedliche Weise sehr viel über die Geschichte Indonesiens.

Leila S. Chudori bei einer Lesung im Literaturhaus Berlin.
Leila S. Chudori bei einer Lesung im Literaturhaus Berlin.

Chudori stellt die Ereignisse von 1965 in den Mittelpunkt, schreibt über den Versuch einer Aufarbeitung dessen, was damals geschah, über Menschen, die fliehen mussten, die gefangen genommen wurden, die jahrzehntelang schweigen oder sich verstecken mussten. Kumala verknüpft die Geschichte einer Zigarettendynastie mit der politischen Geschichte des Landes, angefangen beim Ende der Besatzung durch die Niederlande.

1965 war wohl das einschneidendste Datum in der Geschichte der jungen Republik. Sechs führende Generäle der indonesischen Armee wurden ermordet. Bis heute ist nicht klar, wer wirklich dahintersteckte. Aber sofort wurde die kommunistische Partei des Landes, die PKI, die zu diesem Zeitpunkt sehr stark und sehr präsent war, verantwortlich gemacht. Ein kommunistischer Putschversuch!, wurde behauptet (und bis heute wird dies so in der Schule gelehrt). General Suharto übernahm die Macht, erklärte die PKI zum Staatsfeind Nummer eins. Und jedes Mitglied der kommunistischen Partei, jeder, der auch nur in Verdacht stand, mit den Kommunisten sympathisiert zu haben, lief Gefahr, dem nun folgenden Rachefeldzug zum Opfer zu fallen. Einige flohen. Einige landeten in Gefängnissen. Man weiß bis heute nicht, wie viele Menschen starben, es gibt Schätzungen, nach denen bis zu einer Million Indonesier 1965/66 ermordet wurden. Eine Million saß in den Gefängnissen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Zu der Zeit begrüßten u.a. die britische und die US-amerikanische Regierung offiziell dieses Vorgehen gegen die Kommunisten (wobei die westliche Bevölkerung nicht darüber im Bilde war, was wirklich in Indonesien geschah; es herrschte eine strenge Informationskontrolle). Der Vietnamkrieg war noch in vollem Gange, man hoffte, dies sei ein Wendepunkt im asiatischen Raum. Selbst als dieser blutige Feldzug vorüber war, lebten viele Indonesier noch in Angst und Schrecken, denn Suharto sollte bis 1998 regieren. Es wurde weiter gedemütigt, gefoltert, verhaftet. Es war nicht erlaubt, über 1965 zu reden. Nach 1998 sollte es anders werden.

Vielleicht.

1998 begann langsam die Aufarbeitung von 1965. Verschiedenen Quellen zufolge geht man mittlerweile von einer direkten Beteiligung westlicher Geheimdienste und Regierungen aus. Das Land Indonesien wandelte sich in den Nullerjahren langsam zu einer Demokratie, Rede- und Meinungsfreiheit inklusive. 2015 zur Buchmesse jährten sich die Ereignisse zum 50. Mal. Viele der Autorinnen und Autoren aus Indonesien hatten 1965 zum Thema. Es wirkte, als sei 65 eine Art eigenes Genre. Alle indonesischen Autorinnen und Autoren, mit denen wir sprachen, kannten den Dokumentarfilm von Joshua Oppenheimer „The Act of Killing“. Und am 28.10. sollte das Ubud Writers and Readers Festival mit einigen Veranstaltungen zu den Massakern von 1965/66 stattfinden. Oppenheimers neue Dokumentation „The Look of Silence“ sollte gezeigt werden.

Die Behörden von Bali zwangen die Veranstalter unmittelbar nach der Frankfurter Buchmesse, alle Programmpunkte mit diesem Schwerpunkt abzusagen.

Ubud Writers and Readers Festival 2015Ein Dialog, eine Aufarbeitung der Ereignisse ist nicht erwünscht. Müssen bis heute die Menschen, die sich mit den Massakern auseinandersetzen, befürchten, dass sie Schwierigkeiten bekommen? Es gibt keine Zensur in Indonesien, hörte man während der Buchmesse immer wieder. Wie aber will man es sonst nennen, wenn von behördlicher Seite gezielt Veranstaltungen zu einem politischen Thema unterbunden werden? Es handelt sich um ein friedliches Festival. Lesungen, Gespräche, Filmvorführungen. Es ist keine Demo, bei der gewaltbereite Gruppen erwartet werden. Die Autorinnen und Autoren setzen sich mit persönlichen Schicksalen auseinander, wollen die Vergangenheit begreifen, sind bereit zu diskutieren. Dürfen jetzt aber nicht darüber reden?

In Oppenheimers Film von 2012 heißt es über die Männer u.a. aus paramilitärischen Gruppen, die die Morde im Auftrag der Armee ausführten: „Diese Männer haben seitdem nichts von ihrer Macht eingebüßt, und drangsalieren ihre Gegner weiterhin.“

Wir von Culturbooks schließen uns den internationalen Protesten gegen diese Zensurmaßnahmen an.

UPDATE 29.10.: Wir erfahren gerade, dass bei den Veranstaltungen des Ubud Festivals Polizei und Pecalang anwesend sind, um sicherzustellen, dass nicht über 1965 diskutiert wird.

„Das Zigarettenmädchen“ – eBook
„Das Zigarettenmädchen“ Printausgabe
„Pulang“ – eBook
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