„Ich frage mich nicht, ob ich politisch korrekt handele.“ Safeta Obhodjas im Gespräch.

Sophie Sumburane unterhielt sich mit der Autorin Safeta Obhodjas über schwierige Frauenfiguren, Wirtschaftsflüchtlinge, Europa und die Zukunft.

In Ihrem Roman „Die Bauchtänzerin“ geht es, wie in vielen Ihrer Texte, um starke muslimische Frauenfiguren, die sich in der patriarchalischen Gesellschaft, in der sie leben, behaupten müssen. Wie wird so ein Thema, wie werden solche Figuren in Deutschland rezipiert?

Obhodjas_Bauchtaenzerin_Cover240„Die Bauchtänzerin“ ist nicht mein erster Roman mit solchen Frauenfiguren. Vor ihm erschienen die Bücher „Rache und Illusion – ein bosnisches Gastmahl“ und „Scheherazade im Winterland“. Vor zwanzig Jahren konnte ich allerdings mit dem Thema „Musliminnen im Zwiespalt zwischen der politischen Ideologie, dem Patriarchat und der durch die Religion konservierten Tradition“ nicht punkten. Ich befasste mich mit dieser Problematik längst, bevor sie in Europa brennend aktuell geworden ist. Sowohl die Kulturszene in meiner ersten Heimat Bosnien als auch in meiner zweiten, in Deutschland, wollte davon nichts wissen. Ein Frauenthema am Rande der Gesellschaft, kein Schwein würde sich dafür interessieren, belehrten mich Lektoren und Literaturkritiker. Meine Bücher verschwanden vom Markt, bevor sie etwas hätten bewirken können.

Steckt viel von Ihrer eigenen Geschichte in diesen Frauenfiguren?

Ein Abbild von mir sind meine Romanfiguren nicht. Vielleicht habe ich ihnen einige Eigenschaften von mir aufgehalst, z.B. sie lehnen ab, sich dem Diktat des Umfelds zu beugen und den Umständen anzupassen, genauso wie ich. Dafür bezahlen sie einen hohen Preis, und sehr selten stehen sie als Gewinnerinnen da.

Erzählen Sie uns bitte, wie Sie nach Deutschland gekommen sind.

In meiner Jugend hatte ich nie vor, nach Deutschland zu gehen. Mit der großen Gastarbeiterwelle wäre das Ende der Sechziger und in den Siebzigern möglich gewesen. Man ging nach Deutschland, um Geld zu verdienen. Während des Wirtschaftswunders in diesem Land waren die Gastarbeiter auch eine Art Wirtschaftsflüchtlinge, es gab genug Arbeit, aber Ausbildung und Integration der Zugewanderten standen nicht auf dem politischen Programm.

In meiner Familie war Bildung wichtiger als materielle Werte. Hartes Leben in Jugoslawien konnten wir ertragen, weil wir Illusionen hatten: Irgendwann wird die Demokratie die Diktatur einer Partei besiegen und uns andere Möglichkeiten eröffnen, z.B. wirtschaftliche und kulturelle Erneuerung. Da haben wir uns geirrt. Durch die ersten freien Wahlen kamen die Nationalisten an die Macht, hetzten die Völker gegeneinander auf und stifteten ein Gemetzel nach dem anderen an. Meine Wurzeln sind bosnisch-muslimisch, deshalb wurden wir von den serbischen Nationalisten bedroht und letztendlich vertrieben. Deutschland hat während des Krieges 1992-95 viele Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina gerettet. Meine Töchter und mich auch.

Kämen Sie heute, würde man Sie als „Wirtschaftsflüchtling“ bezeichnen. Was würden Sie darauf antworten?

Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: bei den Ursachen oder bei den Folgen einer verkehrten Politik? Tatsache ist: Die EU hat nach dem Krieg 1995 eine total irrationale Vorstellung der Situation auf dem Balkan gehabt. Viele Gelder aus ihren Töpfen sind nach Bosnien und Kosovo geflossen, zweckmäßig für den Wiederaufbau des Landes und für die Grundlage einer europäischen Demokratie. Besonders Deutschlands und Österreichs Hilfsbereitschaft war großzügig, auf dem Balkan tummelten sich auch viele Privatinitiativen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politiker Europas nicht wussten, oder wenigstens ahnten, was für korrupte, nationalistische Cliquen sie damit mästeten. Die Korruption hatten die Menschen auf dem Balkan vom Sozialismus geerbt, aber nach dem Krieg legte diese Pest die Gesellschaft total lahm. Durch die Wiederaufbauhilfe sind die korrupten Cliquen enorm reich geworden, nur blieb die Bevölkerung auf der Strecke. Trotzdem wählten die einzelnen Völker immer wieder diese nationalistischen Parteien, die seit zwanzig Jahren ihren Reichtum und ihre Privilegien immer weiter pflegen. Heute kommen meine Landsleute hierher als Wirtschaftsflüchtlinge, als Bettler, aber morgen besinnen sie sich, Kroaten, Serben, Bosniaken zu sein, bereit durch ihre Stimmen die Macht der nationalistischen Parteien wieder zu beglaubigen.

Besonders brisant ist die Situation der Roma. Ich habe eine gute Freundin, eine gebildete und engagierte Roma-Frau, die regelrecht gemobbt wurde, wenn sie versuchte, die Geldverschwendung zu verhindern. Die EU hat Millionen Euro in die Sozialisierung dieses Volkes in Bosnien und Kosovo investiert. Es waren Gelder, von denen nur die staatlichen korrupten Bürokraten und einige angebliche Vertreter der Roma profitiert haben, genauer gesagt: Die Mittel sind meist in irgendwelchen dunklen Kanälen versickert. Von diesem Geld hat kaum jemand Aufklärungsarbeit geleistet, kaum ein Roma-Kind eine Schule besucht, kaum ein Roma einen Job bekommen, oder seine Frau von den Verhütungsmethoden erfahren. Seit eh und je ist bekannt, dass die Roma sehr früh heiraten und mehr Kinder bekommen, als sie ernähren können.

Die EU, Deutschland auch, hat die Mittel für die Verbesserung ihrer Lebensumstände gegeben, aber die Kontrolle der Mittel vernachlässigt. Geld ist dort verschwendet worden, und hungrige Menschen kommen nach Deutschland, als Wirtschaftsflüchtlinge. Ich kann nur fragen, wer da versagt hat.

Haben Sie Angst um die Zukunft?

Zukunft? In all diesen Jahren meiner privaten Unsicherheit habe ich gelernt, nur hier und jetzt zu leben, besonders, wenn ich schreibe oder die Gesellschaft meiner Lieben genieße. Aber ich bin nicht so egoistisch, nur an mich zu denken. Ich hatte das Glück, ein kompliziertes, gleichzeitig aber ein erfülltes und wenigstens fünfzig Prozent selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Meine Angst um die Zukunft Europas ist jeden Tag präsent, besonders um seine jüngere Generation. Jugendliche erben von uns eine chaotische, eine gnadenlose Welt voller Gier, Hunger und Hass. Geschichte wiederholt sich immer wieder! Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg, als ich geboren wurde, zerstört, aber wenigstens übersichtlich. Universale Werte schienen sich in der versprochenen Zukunft durchzusetzen. Es schien möglich, die europäische Demokratie weltweit aussäen zu können, und sie dann einfach gedeihen zu lassen. Dabei blendeten wir komplett aus, dass eine Menge Völker nicht einmal die „Charta der Menschenrechte“ lesen konnte. Immer mehr Gier produzierte immer mehr Waffen … Wer den Wind sät, wird Sturm ernten.

Sie betonen stets, sich alles, was Sie schriftstellerisch erreichten, selbst erarbeitet zu haben. Woher nehmen Sie Ihre Kraft, was ist Ihre Motivation?

Von meinen ersten verfassten und publizierten Geschichten in meiner ersten Heimat an habe ich das Glück – vielleicht auch Pech -, keinen Anschluss an den Mainstream zu finden. Oder ich suchte ihn nicht richtig. Beim Schreiben hatte ich immer die Geschichte, die ich erzählen wollte, im Kopf, ohne mich zu fragen, ob ich politisch korrekt handele oder nicht. Ich war schon immer eine Beobachterin des Lebens und eine Erzählerin, die durch leise Töne die Missstände in einer ideologisch geprägten Gesellschaft anprangerte. Das hat mich schon damals einsam gemacht. Ich habe mich daran gewöhnt, als Schriftstellerin alleine dazustehen. Auch hier, in meiner zweiten Heimat, war ein Multikulti-Kult viele Jahrzehnte angesagt, der mir nie eine Chance gab, durch meine Werke die Kehrseite dieser falsch verstanden Toleranz zu offenbaren. Ignoranz, Verspottung oder sogar verbale Prügel, die ich für meine Offenheit kassierte, taten natürlich weh. Aber man gewöhnt sich auch daran und macht weiter, obwohl sich die Manuskripte oder die unbeachteten Publikationen auf dem Schreibtisch immer höher stapeln. Meine Motivation kam von meiner schöpferischen Kraft. Einfach ausgedrückt: Mein inneres Bedürfnis war/ist, ein paar literarische Belege meiner Zeit zu hinterlassen. Eine andere Motivation hatte ich nicht.

Sie arbeiten an einem neuen Projekt. Handelt es sich wieder um einen Roman?

Ich habe in den vergangenen Jahren mehrere Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Ich musste aber immer wieder zu meinen „Scheherazaden in einem kosmopolitischen Winterland“ zurückkehren, um das Manuskript zu beenden.

Meine Frauenfiguren habe ich am Ende eines Werkes nie umgebracht. Jedoch trennte ich mich von ihnen in einer Situation, die ihnen wenig Hoffnung versprach. Deshalb hatte ich ein schlechtes Gewissen und wollte diesen Heldinnen noch eine Chance geben, sich aus den Zwängen zu befreien. Amila, Biologin/Laborantin, aus dem Roman „Rache und Illusion“, Nadira, Schriftstellerin/Journalistin aus Roman „Scheherazade im Winterland“ und Vildana, Designerin/Schneiderin aus dem Roman „Die Bauchtänzerin, lernen sich in einer deutschen Stadt im Frauenzentrum Schwestern in Not kennen. Amila ist hochmotiviert, zusammen mit den anderen Schützlingen des Zentrums, das Kulturprojekt „Kunst gegen Traumata“ auf die Bühne zu bringen. Sie versucht, Nadira als Autorin zu überzeugen, die Leitung des von ihr entworfenen Kulturprojekts zu übernehmen. Die ganze Geschichte ist aus Sicht der Schriftstellerin Nadira erzählt.

Ich kann nur hoffen, dass dieser Roman nicht zehn Jahre lang meine Schublade hüten muss, wie zum Beispiel „Die Bauchtänzerin.“

Liebe Safeta Obhodjas, vielen Dank für das Gespräch!

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3 Comments

  1. Liebe Safeta Obhodjas, ich habe mit großem Interesse diesen Test von Dir und über Dich und die Dich beschäftigende Problematik gelesen und bin sehr beeindruckt davon.Deine Jugoslaeirn-Sizialismus-Nationalismus-Beschreibung-Kritik teile ich. Du weißt, ich kenne mich da etwas aus; von 1961 bis etwa zum Jahr 2010 bin ich ja immer wieder da unten auf dem Balkan gewesen, auch in Bosnien. Ich wünsche Dir und Deiner weiteren schriftstellerischen Laufbahn den Erfolg, der Dir gebührt. Bitte teile mir Deine Email-Adresse mit, so können wir privat kommunizieren. Meine website ist: http://www.wiplinger.eu – Herzliche Grüße! Peter Paul Wiplinger

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