„Ich mag es, die Grenzen dessen auszutesten, was ich als Autor tun kann.“

carl-nixon-fishn_2401Gerade frisch bei CulturBooks erschienen: die Erzählungen des neuseeländischen Autors Carl Nixon in deutscher Übersetzung, „Fish’n’Chip Shop Song und andere Geschichten“. (Auch seine drei Romane liegen bei uns digital und auf deutsch vor.) Drei frisch gebackene Übersetzerinnen haben die Geschichten unter sich aufgeteilt und großes Talent für die Übertragung bewiesen. Eine von ihnen, Kim Keller, die Carl Nixon seit einigen Jahren auch persönlich kennt und die Veröffentlichung seiner Romane in Deutschland beim Weidle Verlag begleitet hat, sprach mit ihm über die kurze Form, über das Schreiben allgemein, und über Väter und Söhne. 

Kim: Was ist deiner Meinung nach das Faszinierende an Kurzgeschichten? Inwieweit unterscheidet sich das Schreiben einer Kurzgeschichte von dem eines Romans?

Carl: Kurzgeschichten sind eine wunderbare Form für Autoren, um sich auszuprobieren, wenn der- oder diejenige zum ersten Mal auf eine Veröffentlichung hinarbeitet, quasi eine Lehre macht. Sie haben den Vorteil der Kürze, das bedeutet, sie sind leichter zu bewältigen als ein kompletter Roman – man braucht Wochen und nicht Jahre, um sie zu vollenden. Darüber hinaus lehren sie Disziplin, indem sie den Autor fokussieren; kein Wort darf überflüssig sein. Stil und Figuren sind alles. Wenn eine Kurzgeschichte ein Teil eines Puzzles ist, dann ist ein Roman das komplett zusammengesetzte Puzzle.

Kim: In Deutschland wird das Genre der Kurzgeschichte erst in den letzten paar Jahren mehr beachtet, zuvor wurde es eher vernachlässigt. Was glaubst du, warum lesen Leser lieber einen Roman als eine Kurzgeschichte? Was würdest du diesen Lesern sagen, um sie davon zu überzeugen stattdessen ein paar Kurzgeschichten zu lesen?

Carl: Ich kann nicht für jeden sprechen, aber ein Roman stellt dem Leser einen Standpunkt zur Verfügung, eine Welt, die sie betreten können, tagelang oder sogar wochenlang. Eine Kurzgeschichte kann sehr schnell gelesen werden und sich deshalb mehr wie ein Snack anfühlen, als wie ein Mahl. Ich würde den Lesern vorschlagen sich Kurzgeschichtensammlungen von sehr guten Autoren auszusuchen; die Geschichten stehen für sich alleine, doch sie funktionieren gleichzeitig als übergreifende Sammlung.

Kim Keller (c) Roman Lüftner
Kim Keller (c) Roman Lüftner

Kim: Du experimentierst hin und wieder mit verschiedenen Erzählperspektiven in deinen Kurzgeschichten und Romanen, zum Beispiel durch direkte Ansprache des Lesers oder durch eine Wir-Perspektive (z.B. „Rocking Horse Road“). In der Erzählung „Seines Auges Apfel“ kommentiert der Erzähler häufig das Geschehen. Wieso weichst du gern von den gewöhnlichen allwissenden oder Ich-Erzähler-Perspektiven ab? Was sind die Vorteile einer ungewöhnlichen Perspektive?

Carl: Ungewöhnliche Perspektiven sind für mich am Anfang zunächst mal ein Experiment. Ich frage mich, ob ich das tun kann, setze es fort, erschaffe einen Effekt, der den Themen der Geschichte dient. Manchmal funktioniert das gut, manchmal ist es weniger erfolgreich. Außerdem bin ich sehr schnell gelangweilt, ich mag es, die Grenzen dessen auszutesten, was ich als Autor tun kann. Manchmal scheitere ich, aber das macht nichts, denn ich habe etwas gelernt.

Kim: Woher nimmst du die Ideen für deine Geschichten? Was sind deine Einflüsse?

Carl: Heutzutage konzentriere ich mich mehr auf das Schreiben von Romanen und Theaterstücken (obwohl es interessant ist, dass eine gute Idee fürs Theater oft auch eine gute Idee für eine Kurzgeschichte ist. Kurzgeschichten und Theaterstücke konzentrieren sich auf die Figuren, der Ton ist unerlässlich, und beide bewegen sich in begrenzten Schauplätzen). Ich halte immer Ausschau nach einer Idee. Bekannte, Zeitungen, Magazine, Film, Fernsehen liefern mir Ideen.

Kim: Deine Kurzgeschichten beschäftigen sich sehr häufig mit unglücklichen Charakteren, und der Tod spielt eine große Rolle. Warum?

Carl: Es ist sicherlich schwerer, über glückliche Charaktere zu schreiben. Es gibt wenig Dramatik oder erzählerischen Schwung im Glück.

Kim: In vielen deiner Erzählungen, wie z.B. in „Wie Tapete“ oder „Mein Vater und der tote Junge“, als auch in deinem Roman „Settlers Creek“, wird die schwierige Beziehung zwischen Vater und Sohn thematisiert. Was fasziniert dich an diesem Thema?

Carl Nixon (c) Stephanie Nixon
Carl Nixon (c) Stephanie Nixon

Carl: Ich schreibe meistens aus einer männlichen Perspektive heraus. Einer der fundamentalsten und allgemeingültigsten Aspekte des Daseins als Mann ist, dass man einen Vater hat. Jeder hat das, ein Elternteil desselben Geschlechts, jemand, an dem man sich selbst misst. Selbst für Jungs und Männer, die ihren Vater niemals getroffen haben, spielt er eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Manchmal sogar mehr, als wenn er jeden Tag anwesend wäre.

Kim: Deinen ersten Roman, „Rocking Horse Road“, hast du aus einer deiner Kurzgeschichten weiterentwickelt. Warum hast du dich entschieden, einen Roman daraus zu machen? Hast du vor, noch weitere Kurzgeschichten zu Romanen auszubauen?

Carl: Diese recht lange Kurzgeschichte schrieb ich als Reaktion auf einen Wettbewerb einer lokalen Zeitung. Sie wollten jeweils 1500 Wörter an fünf aufeinanderfolgenden Tagen. In diesem Format wurde die Erzählung veröffentlicht. Kurze Zeit später, ein paar Wochen, wenn ich mich recht erinnere, bewarb ich mich für ein Stipendium für Kreatives Schreiben an der Universität von Christchurch, wo ich lebe. In meiner Bewerbung musste ich darlegen, welches Projekt ich plane, wenn ich das Stipendium, das ein Jahr dauern sollte, bekommen würde. Ich sagte, ein Roman, der auf meiner Kurzgeschichte basiert. Es hat funktioniert. Der träumerische, leicht jenseitige Ton der Kurzgeschichte übertrug sich in den Roman, und ich denke, er sticht als etwas anderes als die meisten Romane hervor, ein Hybrid. Ich plane nicht, noch weitere Romane zu schreiben, die auf Kurzgeschichten basieren, doch ich habe seitdem zwei Kurzgeschichten in Theaterstücke verwandelt – „The Raft“ und „Fish’n‘Chip Shop Song“.

Kim: Liest du selbst gerne Kurzgeschichten? Welche Autoren von Kurzgeschichten magst du? Welche Autoren beeinflussen deine eigene Arbeit?

Carl: Ich lese immer noch Kurzgeschichten, jedoch nicht mehr so viele wie früher, als ich jünger war. Der größte Einfluss waren für mich die Kurzgeschichten der lokalen Legende Owen Marshall. Seine Sammlungen waren brillant, doch außerhalb von Neuseeland ist er ziemlich unbekannt. Darüber hinaus mag ich die Kurzgeschichten von Hemingway, Raymond Carver, Richard Ford, Alice Munroe, Ron Rash, Miranda July, Lorrie Moore und dem Australier Tim Winton. Die Liste ist sehr abwechslungsreich, aber das ist ja das Schöne an Kurzgeschichten.

Carl Nixon: Fish ’n’ Chip Shop Song und andere Geschichten. Übersetzt von Kim Keller, Martina Schmid und Sophie Sumburane. Digitale Originalausgabe. CulturBooks Album, März 2016. 215 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-95988-037-4

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4 Comments

  1. „In Deutschland wird das Genre der Kurzgeschichte erst in den letzten paar Jahren mehr beachtet, zuvor wurde es eher vernachlässigt.“ —
    Ist das tatsächlich so? Wäre ja schön … Es gab sicher immer mal ein leichtes Auf und Ab, aber leider fristen Kurzgeschichten nach wie vor ihr Nischendasein in einer winzigen Nische, meinem Eindruck nach jedenfalls.

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    1. ein winziges bisschen besser vielleicht? mir fallen spontan so einige neue erzählbände ein, die auch sehr positives echo hatten, nun weiß ich natürlich nicht die verkaufszahlen. aber es stimmt, die kurzform ist leider eher in der stiefmütterlichen ecke. vollkommen zu unrecht. ich liebe kurzgeschichten.

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