Abwarten und Eis essen.

Margerita Nardozza hat unseren Autor Martin Spieß, dessen Roman „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“ im Frühjahr bei uns erscheint, interviewt:

Margerita Nardozza: In deinem Buch erwähnst du, dass die Handlungen wie auch die handelnden Personen von dir frei erfunden sind. Dein Roman zeigt eine tiefe, innige Freundschaft zweier Männer, die zahlreiche Lebensphasen gemeinsam durchlebt haben. Dabei wirken ihre Erzählungen und Erlebnisse teilweise verrückt, aber dennoch sehr authentisch. Liegt deiner Romanidee von den zwei Freunden eine reale Männerfreundschaft zugrunde?

Martin Spieß: Nein. Jäger ist eine Melange aus mehreren Freunden, männlich wie weiblich. Dazu kommen die Figuren bester Freunde, die ich aus Büchern, Serien und Filmen entnommen habe.

MN: Bei den zwei Freunden handelt es sich um Schriftsteller, die auf der Suche nach einer guten Story sind. Aus diesem Grund reisen sie nach Gorleben und nehmen an einer Demonstration teil. Du lebst im Wendland. Ist daher dein Interesse für das Atommülllager Gorleben besonders groß? Begibst du dich für eine neue Romanidee auch auf eine Suche, bei der du an andere Orte fährst oder an Demonstrationen teilnimmst?

Spieß_Eiscreme240.jpgMS: Grundsätzlich geht es meiner Meinung nach nicht ohne Recherche. Mein erster Roman spielt in New York, dafür bin ich dann ein paar Mal dort hingereist. Aber wenn man im Wendland aufwächst, kommt man an Gorleben nicht vorbei. Man geht demonstrieren, wenn man Teenager ist, man kommt für Proteste aus der Uni-Stadt zurück. Ich musste für die Demo-Szenen und die Interaktionen mit der Polizei also nicht groß recherchieren,
weil ich vieles davon so oder so ähnlich selbst erlebt habe.

MN: Jäger, einer deiner Protagonisten, sitzt seit Jahren an seinem ersten Roman und schafft es nicht ihn fertigzustellen. Wie gehst du mit Schreibblockaden um?

MS: Ich habe eher Probleme mit Ideen-Blockaden: Manchmal dauert es ganz schön lange, bis mir eine Idee für ein Buch einfällt, zumindest eine, die mich so packt, dass ich daraus eine Geschichte machen will. Außerdem habe ich den Luxus, nicht nur Schriftsteller, sondern auch Musiker und Maler zu sein: wenn es also mal nicht läuft, klimpere ich auf der Gitarre rum oder nehme den Pinsel in die Hand.

MN: Die zwei Freunde aus deinem Buch leben vom Kellnern sowie von Auftragsarbeiten, Journalismus und Werbetexten. Trotzdem lieben sie die Freiheit, die sie als freiberufliche Schriftsteller genießen: kein Bürojob mit festen Arbeitszeiten, keine unerträglichen Kollegen, aber natürlich auch kein festes Einkommen. Kannst du vom Romanschreiben leben oder finanzierst du deinen Lebensunterhalt noch mit weiteren Tätigkeiten? Wie würdest du dein Leben als Schriftsteller beschreiben?

MS: Ich kann nicht vom Schreiben leben, nein. Ich mache es ähnlich wie Jäger und der Ich-Erzähler: Ich arbeite als Journalist, ich texte, lese Korrektur, mache Lektorat und Übersetzung. Das reicht aber nicht. Hauptsächlich sind es Aushilfsarbeiten: zuletzt habe ich eine Zeitlang einen Minijob als Warenverräumer gemacht.

MN: Du spielst in deinem Buch sehr viel mit Zitaten und Anmerkungen aus diversen Filmen. Bist du selbst so ein großer Filmfan oder hast du hierfür recherchiert?  

MS: Es heißt, meine Brüder und ich hätten schon mit zwei Jahren Filme von Bud Spencer und Terence Hill gesehen. Ich musste also nicht recherchieren, nein.

MN: Der Titel deines Buches entstammt dem Zitat von Patrick Jane (The Mentalist): „When you’re dead, your’re dead. And until then, there’s icecream.“ Wie kamst du auf diese Idee?

MS: Ich habe die Serie bei Netflix gesehen und dieses Zitat gefiel mir. Esmartin-spiess-pressebild-04 geht in meinen Büchern immer irgendwie um den Tod oder das Ende, und dieser Dialog zwischen Jane und Lisbon hat großartig zu Jäger und dem Ich-Erzähler gepasst.

MN: Du veranschaulichst den Verlauf der Proteste der Anti-Atomkraft-Bewegung Ende der 70er Jahre. Wie hast du hierfür recherchiert? Hast du gezielt Leute aus der Umgebung befragt oder aus deinem eigenen Bekanntenkreis?

MS: Da habe ich tatsächlich Onlinerrecherche betrieben. Mein Berliner Stamm-Tätowierer, zu dem ich immer noch fahre, war als junger Mann im Hüttendorf der Republik Freies Wendland. Aber das erfuhr ich erst, als ich den Roman schon geschrieben hatte und ihm davon erzählte.

MN: Das Buch gibt den Namen des Ich-Erzählers nicht preis. Wieso hast du dich dafür entschieden?

MS: Eigentlich war das keine bewusste Entscheidung. Aber wenn ich jetzt so drüber nachdenke … Weil es leichteren Zugang zur Geschichte bedeutet: wenn einer der beiden besten Freunde, noch dazu der Erzähler namenlos ist, werden Leserin und Leser besser in die Geschichte reingezogen, denke ich. Es wirkt, als sei man selbst mit Jäger im Wendland.

MN: Vielen Dank!

 

Über den Roman
Homepage des Autors
Fotos: Jörg Merlin Noack

 

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