Der eigene Abschied als Event

Tommy Schmidt hat einen satirischen Roman über Sterbehilfe geschrieben. Margerita Nardozza hat ihn dazu befragt. 

Der satirische Roman „Heaven’s Gate“ thematisiert das oft noch tabuisierte Thema Sterbehilfe und beantwortet die Frage „Wie möchten wir in Zukunft sterben“ auf ungewöhnliche Weise. Wie kamst du auf die Idee, dieses meist sehr schwer und ernst diskutierte Thema auf unterhaltsame, komische und satirisch zugespitzte Art zu behandeln? 

TS: Ich verdiene mein Geld unter anderem als Motivationstrainer. In meiner Arbeit unterstütze ich Künstler, Designer und andere in der Selbstreflexion über Ziele, Werte und so weiter. Ein großes Thema ist dabei das der Selbstbestimmung. Ableben ist eine der letzten großen Domänen der Fremdbestimmung: Ärzte, Gene, Kirche, Tyrannen, alle möglichen von außen wirkenden Kräfte bestimmen unser Sterben. Künstlerisch hat es mich gereizt, eine fiktionale Vision zu entwickeln: Gestalte dein Ableben! Es ist dein Leben, also triff deine Entscheidung! Du bist der oberste Souverän über dein Leben – also auch über dessen Ende! Natürlich finde ich auch die horrenden Implikationen dabei interessant: Wenn es möglich ist, dann musst du es auch machen! Schließlich hast du schon lange keine Freude mehr an einem Leben, dessen Unterhalt ohnehin die Möglichkeiten deines Umfeldes bis an alle Grenzen strapaziert! Im kreativen Prozess hatte ich keinerlei Absicht, komisch oder satirisch zu schreiben. Das war schon immer so: Ich bin seit fünfunddreißig Jahren auf der Bühne, spreche krasse Themen an und die Leute lachen darüber. Von mir aus gerne.

Dein Protagonist Lasse Wiesenthal ist Eventmanager. Als er erfährt, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet, plant er seinen Freitod durch Sterbehilfe. Es soll ein Abschiedsfest werden. Und dies ist dann gleichzeitig auch eine Geschäftsidee: Sterben als das ultimative Event! Also baut er ein Eventcenter, das Heaven’s Gate. Dort kann jeder selbst entscheiden, wie und vor allem wann er sterben möchte. Dein Buch spielt in der Zukunft. Skizzierst du deiner Meinung nach ein in Deutschland realistisches Zukunftsprojekt?

TS: Ich glaube, das ist schon etwas übertrieben. Nun, ich bin ja seit vielen Jahren auch Werbetexter 😉 Ich halte die Übertreibung aber auch für geboten, um die tatsächlich absehbaren Entwicklungen möglichst erlebbar zu veranschaulichen: Einerseits wird bei steigender Lebenserwartung und damit immer höheren Kosten bei gleichzeitig abnehmender Pro-Kopf-Produktivität sowie abnehmender Lebensqualität bei längeren Pflegedauern der Druck, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, enorm zunehmen. Andererseits wollen dann immer mehr Menschen diesem Druck dann auch nachgeben. Sozusagen vorauseilend selbstbestimmt. Denn dann wird ihnen viel mehr Respekt und Wertschätzung zuteil, als wenn sie sich an ein teures und freudloses Leben klammern. Ich merke schon, ich hab da eine ziemlich fatalistisch sarkastische Fantasie.

An einer Stelle hinterfragt sich dein Protagonist: „Schaffen wir mit Heaven’s Gate einen Anlass, bei Widrigkeiten des Lebens das Heil im Tod zu suchen?“ Wäre dies, wenn es erlaubt und vereinfacht wäre, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, nicht tatsächlich eine Gefahr, diesen Weg voreilig einzuschlagen? Wie siehst Du das?

TS: Natürlich, diese Gefahr besteht. Man liest von Fällen aus Holland und Belgien, da fragt man sich: sind da Therapiemöglichkeiten nicht ausgeschöpft worden? Gerade bei Sterbehilfe für junge Menschen kommen mir da schon manchmal Zweifel.

Lasse Wiesenthal möchte im Heaven’s Gate Abschied nehmen, weil er unheilbar krank ist. Seine Ärzte sagen ihm einen langen Leidensweg und körperlichen Verfall voraus. Würdest du unter diesen Umständen dein Schicksal ebenfalls selbst in die Hand nehmen wollen?

TS: Ja, unbedingt. Ich habe Heaven’s Gate erfunden und würde ein solches Angebot bestimmt selbst in Anspruch nehmen. Mir ist es aber ein persönliches Anliegen eindeutig klar zu machen: Ich bin Künstler und kein Aktivist. Mein Roman habe ich rein aus künstlerischen Motiven geschrieben und vertrete keine Position für oder wider kommerzieller Sterbehilfe.

Danke, Tommy Schmidt, für deine Antworten!

Link zum Buch

schmidt_heavens_gate240Das Buch
Satirischer Roman oder realistische Zukunftsversion? Deutschland in einer nicht allzu fernen Zukunft: Lasse Wiesenthal ist erfolgreicher Eventunternehmer, Ende fünfzig und unheilbar krank. Die Ärzte sagen ihm einen jahrzehntelangen Leidensweg mit einem langsamen, aber unaufhaltsamen Verfall voraus. Statt sich diesem Schicksal zu ergeben, plant er seinen Freitod durch Sterbehilfe. Es soll ein Abschiedsfest werden.

Und das ist dann auch gleich eine Geschäftsidee: Sterben als das ultimative Event! Man kann mit Geld oder mit Organen bezahlen, denn sowohl aktive Sterbehilfe als auch Organhandel sind inzwischen gesetzlich liberalisiert. Er baut ein Eventcenter, das Heaven’s Gate, das auch von Kranken- und Rentenversicherungen mitfinanziert wird.

Dumm nur: Wie viele große Bauvorhaben verzögert sich die Fertigstellung um Jahre: Proteste, Naturschutz, Pfusch, Schwarzarbeiter, Mafia, Bombenblindgänger, Betrug, alles, was passieren kann, passiert auch. Und währenddessen steuert Lasses Leben unabänderlich auf sein Ende zu.

Warum es uns gefällt
Wer bestimmt darüber, wie und wann wir sterben? Tommy Schmidt riskiert einen komischen, provokanten und bösen Blick auf ein wichtiges politisches und gesellschaftliches Thema, das uns alle angeht. Provokante Fragen an die Gesellschaft von morgen. Satirisch zugespitzt, streitbar und unterhaltsam.

Der Autor
Tommy Schmidt, geboren 1960, wuchs in Hannover auf. Komponist und Bandleader. Studium an der Munich Jazz School. Spoken-Word-Performance-Artist u. a. am Benno-Ohnesorg-Theater an der Volksbühne in Berlin. Als Medien- und Aktionskünstler u. a. bekannt geworden, als er während des Oktoberfestes ein Huhn in einem Hotelzimmer an der Theresienwiese einquartierte. Artist in Residence im Wiener Museumsquartier, Gastdozent an der Technischen Universität Wien. Leitete als Geschäftsführer ein Unternehmen der IT-Branche. Seit 2000 in einer großen Werbeagentur als Texter und Konzeptioner. Seit 2009 auch Motivationstrainer. Lebt und arbeitet in München.

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