„Eine eigene Stimme ist wichtig. Und ein eigener Blick auf wichtige Themen.“

Jonathan Sendker hat uns ein paar Fragen gestellt, während er für STERN Online die unabhängige Verlagslandschaft recherchierte. Hier ist das gesamte Interview:

Erzählen Sie mir kurz in eigenen Worten von der Verlagsgründung und Ihrer jungen Geschichte?

CulturBooks wurde 2013 als reiner eBook-Verlag gegründet. Die Idee dazu war entstanden, weil es so viele tolle Texte gibt, die nicht mehr lieferbar sind oder erst gar nicht verlegt werden, weil sie nicht in die gängigen Formate oder Genres passen. Das fanden wir im eBook-Zeitalter völlig unsinnig und beschlossen, uns darum zu kümmern. Wir veröffentlichten Originale, Neuauflagen und schließlich auch Lizenzen von anderen unabhängigen Verlagen, die entweder selbst keine eBooks produzieren oder gern mit uns zusammenarbeiten wollten. Seit 2015 gibt es bei uns auch gedruckte Bücher.

Und: Digitales Publishing ist international, das war uns sehr wichtig. Die weltumspannenden Lebenslinien des Internets lösen Landesgrenzen auf. So ist CulturBooks von Anfang an ein international und multilingual ausgerichtetes Projekt gewesen. Es gibt Veröffentlichungen in mehreren Sprachen, und neben deutschen Autorinnen und Autoren sind Geschichten und Bücher aus vielen Teilen der Welt (neben europäischen Ländern u.a. die USA, Neuseeland, Karibik, Naher Osten, Asien und Afrika) ein fester Bestandteil des Programms, sei es als Originalausgaben oder als Lizenzeditionen.

Damit zusammenhängend: Was war Ihre Motivation dafür, dieses Projekt anzugehen? Wo sehen Sie Ihr Profil, welche Sorte(n) Bücher wollen Sie publizieren? Was ist Ihr Anspruch?

Die größte Motivation ist immer noch unser Verlangen nach aufregender Literatur. Wir möchten kleine, funkelnde Buchraketen in den Literaturhimmel steigen lassen.

Eine maßgebliche aufregende neue Stimme zu entdecken, ein Buch, von dem wir überzeugt sind, zu lektorieren, zu gestalten und zu drucken ist elektrisierend und macht glücklich. Im besten Falle nicht nur uns, sondern auch möglichst viele Leserinnen und Leser.

Wir suchen nach erstklassigen und sehr talentierten internationalen Autorinnen und Autoren und nach ungewöhnlichen und überraschenden deutschen Texten. Genresprengendes, Eigenwilliges, an das sich die Konzernverlage nicht unbedingt rantrauen.

Eine eigene Stimme ist wichtig. Und ein eigener Blick auf wichtige Themen.

Elektrisierende Geschichten auf der Höhe der Zeit, die zwar deutlich lokal verankert sein können, deren Konflikte aber überall auf der Welt verstanden werden.

Wie die der preisgekrönten Autorin Amanda Lee Koe, dem „Shootingstar der Literaturszene“ (Cornelia Zetzsche) deren im Herbst 2016 bei CulturBooks auf Deutsch erschienenes Buch Ministerium für öffentliche Erregung auf Platz 1 der Bestenliste „Weltempfänger“ landete und ein breites und durchweg begeistertes Presseecho fand: Das „fantastische Debüt der Erzählerin aus Singapur“ ist eine „literarische Rebellion“, „die lange nachhallt: intellektuell, sinnlich, ästhetisch.“

Sehr besonders und literarisch hochspannend ist auch Karan Mahajans Rangehensweise an ein wichtiges Thema unserer Gegenwart: In seinem Roman In Gesellschaft kleiner Bomben, der demnächst bei uns auf Deutsch erscheint, erforscht der indisch-amerikanische Autor die Auswirkungen von Terrorismus auf Opfer, Täter und Gesellschaft. Das Buch wurde weltweit begeistert aufgenommen, und nicht nur die New York Times fand: „Eins der zehn besten Bücher des Jahres“.

Unser Anspruch: relevante Texte zu verlegen und für tolle Literatur, die uns gefällt, das richtige Publikum zu finden.

Worauf kommt es Ihrer Meinung nach als Verleger an, um erfolgreich zu sein? Wo sehen Sie sich in einigen Jahren?

Ein Blick für Talent und Qualität schadet sicher nicht. Und wahnsinnig viel Glück. In ein paar Jahren werden wir hoffentlich mehr als einmal gezeigt haben, dass wir als kleiner Verlag auch große Bücher können. Wir werden unser Profil weiter geschärft haben und eine klar erkennbare Marke sein.

Es liegen noch viele kleine Schritte vor uns, wir möchten langsam aber nachhaltig wachsen. Im Optimalfall haben wir eine Backlist mit vielen guten internationalen Autorinnen und Autoren, einen funktionierenden Vertrieb und sind möglichst vielen Buchhändlerinnen und Buchhändlern ein Begriff.

Worauf es ankommt? Auf die Überzeugung, das Richtige zu tun. Die haben wir.

Wie arbeiten Sie als Verlegerkollektiv zusammen, wie teilen Sie sich die Arbeit auf, konzentrieren Sie sich auf unterschiedliche Bereiche? Gibt es manchmal Konflikte/Reibereien bei ihrer Zusammenarbeit?

Das Programm entscheiden wir zusammen. Auch die Textarbeit ist sehr gut eingespielt, bei der Übersetzungsredaktion und dem Lektorat ergänzen wir uns prima.

Wir sind uns meist erstaunlich einig. Wir kennen uns aber auch schon viele Jahre, das hilft vermutlich, weil wir so auch den Geschmack des jeweils anderen einschätzen können, aber auch die persönlichen Eigenschaften kennen und zu ertragen gelernt haben.

Und wir haben großartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die uns bei der Korrektur, der Herstellung, der Pressearbeit und beim Vertrieb unterstützen.

Wie präsent ist die unabhängige Verlagsszene im öffentlichen Bewusstsein – und auf der Leipziger Buchmesse? Bewegen sich die kleineren unabhängigen Verleger in einer bundesweiten „Blase“ von Literaturbegeisterten?

Wahrscheinlich bewegen wir uns in einer Blase – aber wir haben den Eindruck, diese Blase wird immer größer. So wie es auch bei Lebensmitteln ein immer größeres Interesse daran gibt, woher die Sachen kommen, die konsumiert werden, scheint auch in der literaturaffinen Öffentlichkeit das Interesse für die Arbeit der unabhängigen Verlagsszene zuzunehmen. Viele Leute wissen: Auch kleinere unabhängige Verlage können große Preise gewinnen und viel beachtete Bücher verlegen, die Diskurse anstoßen.

Auch der Indiebook-Day, der seit ein paar Jahren immer im März stattfindet, versucht, genau dieses öffentliche Bewusstsein zu schärfen. Viele Literatur liebende Menschen wissen schon sehr genau, bei welchem Verlag was zu erwarten ist, aber wer sich gelegentlich mal ein Buch kauft, achtet natürlich weniger darauf, ob nun ein Titel aus einem großen Konzernverlag oder einem kleinen unabhängigen Verlag gekauft wird. In den unabhängigen Buchhandlungen wird die Arbeit der unabhängigen Verlage sehr geschätzt, das überträgt sich auf die Kundschaft. In den großen Buchhandelsketten hingegen sind kleinere Verlage oft nicht präsent, das ist auch eine Frage des Geldes. Deshalb verpassen diejenigen, die dort kaufen, das ganze tolle Angebot der Unabhängigen. Aber gerade auf den Messen oder über Rezensionen oder schließlich den unabhängigen Buchhandel finden die Menschen zu uns.

Wie kam es dazu, dass sie sich verstärkt auf elektronische Bücher konzentrieren? Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Durch die niedrigeren finanziellen und technischen Barrieren zur Herstellung und zum Vertrieb von literarischen Texten war es leichter, eine Backlist anzulegen, ein literarisches Programm zu entwickeln und einen Markenkern zu schaffen. Digitales Publishing heißt aber auch, literarische Experimente eingehen zu können, die in der starren Form des gedruckten Buches nicht umsetzbar sind. Es ist leichter, kurzen Texten Raum zu geben (von Kurzgeschichten bis zu Texten, die ihren Ursprung in Blogs und Facebookposts haben), in Reportagen oder literarischen Essays schnell und direkt auf aktuelle Themen zu reagieren – und wichtige Bücher in Digitaleditionen neu aufzulegen und verfügbar zu halten.

Im Großen und Ganzen sind wir mit der Entwicklung, die unser Verlag genommen hat, sehr zufrieden, alles läuft nach Plan. Allerdings stehen wir, was die digitalen Originale angeht, vor denselben Schwierigkeiten wie zu unserer Verlagsgründung: Der Buchhandel hat kein Interesse daran, reine Digitaltexte aktiv zu verkaufen. Es lohnt sich schlicht nicht, daran wird zu wenig verdient. Und natürlich sucht die Buchhandelskundschaft auch eher nach gedruckten Büchern. Bei literarischen Titeln, wie wir sie haben, bedarf es aber einer Vermittlung durch den Buchhandel. Im Netz gibt es leider eine extreme Konzentration und Zuspitzung, noch sehr viel stärker als Offline. Es verkaufen sich vor allem die Me-Too-Produkte gewisser Subgenres, und genau das machen wir ja nicht. Deshalb haben es digitale literarische Originalausgaben immer noch recht schwer, bei allen Verlagen.

Welche Unterschiede und eventuelle Probleme gibt es beim Publizieren und Verkaufen von E-Books im Vergleich zu gedruckten Büchern?

Wie erwähnt, die Vermittlung durch den Buchhandel fehlt. Wenn man dann keine Produkte hat, die zum Beispiel anhand der Covergestaltung und des Genres eindeutig zuzuordnen sind, die stattdessen genau diese Vermittlung brauchen, dann ist es mit eBooks schwer, was wir sehr schade finden. Das seit Jahrzehnten hervorragend funktionierende System, wie gedruckte Bücher in den Handel finden und von dort aus zur Kundschaft macht es schon deutlich einfacher.

Die wesentlichen Unterschiede sind ansonsten noch natürlich die Kosten, vor allem aber die Aufmerksamkeit bei der Presse, bei Bloggern, bei der Leserschaft. Da zieht das gedruckte Buch doch immer noch deutlich mehr. Obwohl bei einem guten Text das Trägermedium eigentlich egal sein sollte.

Aber man muss eben auch sagen: Ein gedrucktes Buch ist einfach ein verdammt gutes Produkt, und das wird es glücklicherweise auch noch lange bleiben.

Aus unserer Sicht geht es nicht um ein entweder/oder, sondern um die friedliche, sich ergänzende Koexistenz.

Wozu braucht es unabhängige Verlage, und wie sehen Sie den Zustand des deutschen Buchmarktes und der dominierenden größeren Verlage? Haben Sie Kritikpunkte

Unabhängige Verlage trauen sich an Texte, die von großen Verlagen nicht gewagt werden, weil man dort sehr viel stromlinienförmiger denken muss, sehr viel mehr in festen Kategorien: Was ist gerade angesagt, welche Cover, welche Titel werden gekauft, welchem Trend rennt man hinterher. Unabhängige Verlage schauen eher: Was lieben wir? Was passt zu uns? Welcher Text ist so toll, dass wir unbedingt mehr Menschen dafür und damit begeistern wollen? Da werden einige Schätze publiziert, die den großen Verlagen entgehen, weil die nach etwas ganz anderem suchen.

Man wendet sich damit an ein unterschiedliches Publikum, und das ist ganz hervorragend. Einerseits. Andererseits funktioniert das nur, solange es den unabhängigen Buchhandel gibt, der nicht mit von Konzernen bezahlten Regalmetern sondern einer persönlichen Auslese seine Läden bestückt und dadurch ein reichhaltigeres, nicht genormtes, nicht stromlinienförmiges Programm anbietet.

Durch die zunehmende Digitalisierung ist die Rolle der unabhängigen Verlage für eine lebendige und bereichernde Literaturlandschaft immer wichtiger. Wir verweisen auch gern darauf, wie essenziell die Errungenschaften der Branche sind, etwa die Buchpreisbindung und das breite Buchhandlungsnetz.

In den Zeiten der um sich greifenden Nationalismen ist es wichtig, dass wir alle uns Kultur übergreifend gegenseitig kennenlernen, um einander besser zu verstehen. Nur Weniges ist dazu besser geeignet, als die Grenzen niederreißende Kraft der Literatur.

Jonathan Sendker im Gespräch mit Zoë Beck und Jan Karsten von www.culturbooks.de

culturbooks.jpg
(c) Victoria Tomaschko

 

 

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