Manuskripteinsendungen – warum denn nicht?

Ja, wir haben auch den Hinweis auf unserer Homepage, man möge uns bitte nicht unaufgefordert Manuskripte zusenden. Wir kommen schon mit dem Lesen der Manuskripte kaum hinterher, die wir selbst angefordert haben. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum wir das nicht wollen. Viele andere Verlage (vermutlich die meisten) übrigens auch nicht.

Es stimmt, dass in vielen Verlagen die unverlangt eingesandten Manuskripte meist gar nicht gelesen werden. Manchmal vielleicht vom Praktikanten oder der Praktikantin. Wobei ich es meinen Praktikantinnen nicht zumuten wollte, sich damit eingehend zu befassen. Warum nicht? Weil die Erfahrung gezeigt hat, dass die allermeisten Einsendungen sich nicht lohnen. Qualitativ, inhaltlich, formal, da kann es viele sehr unterschiedliche Gründe geben. Ich werde immer gefragt: War denn wirklich noch nie etwas dabei, das sich gelohnt hätte? Tatsächlich werfen wir zumindest einen kurzen Blick auf alles, was man uns schickt (meist reicht ein kurzer Blick, um zu wissen, ob sich das Weiterlesen lohnt), und ich habe mir nun die Mühe gemacht, den Prozentsatz der Texte auszurechnen, die unter den unverlangten Einsendungen tatsächlich von uns verlegt wurden: 0,2%. Dabei handelte es sich allerdings um Autorinnen, die bereits im Geschäft waren und schon Publikationen vorweisen konnten. Die anderen unserer Autor*innen kannten wir schon, oder wir haben sie angesprochen, oder sie wurden uns empfohlen, oder sie kamen über eine Agentur.

Wie soll man sich also an Verlage wenden, gerade wenn man niemanden kennt, der einen weiterempfiehlt? Wenn man nicht vernetzt ist, noch keine Veröffentlichungen hat? Mein Tipp an Autor*innen ist in diesem Fall immer: Erst eine Agentur suchen. In der Regel ist das der beste Weg. Keine Regel ohne Ausnahme, aber bleiben wir beim Regelfall: Viele Verlage sprechen gern mit Agenturen, weil Agenturen schon vorsortiert haben. Wenn sie gut sind, wissen sie, welche Texte zu welchen Verlagen passen. Und sie bereiten die Texte schon so auf, dass die Verlage schneller vorauswählen können, was sie sich tatsächlich schicken lassen und dann in Gänze durchlesen. (Es gibt einen Grund, warum Verlage auch mal nicht ganz so gern mit Agenturen sprechen: weil Agenturen üblicherweise bessere Konditionen aushandeln und die Autor*innen dadurch etwas teurer werden, aber ich schreibe das hier ja vor allem für die angehenden Autor*innen.) Agenturen suchen Autor*innen aus, an die sie glauben, und sie helfen ihnen, ihre Texte zu verbessern, stärker herauszuarbeiten, was sie wollen und wohin sie wollen. Lieber ein großer oder ein kleiner Verlag? Wohin geht die Reise literarisch, eignet sich der- oder diejenige zum Genreschreiben und ist flexibel, oder geht es um die ganz große, kompromisslose Literatur? Und und und. Seriöse Agenturen nehmen erst im Erfolgsfall Geld von den Autor*innen, und Erfolgsfall bedeutet: wenn es zu einem Verlagsvertrag kommt. Meist liegt der Prozentsatz bei 15%, manchmal bei 20%, selten bei 25%. Gute Agenturen verhandeln über Nebenrechte, begleiten die Autor*innen während des gesamten Entstehungsprozesses des Buchs, diskutieren mit den Verlagen über missglückte Cover, trösten bei Schreibblockaden, schicken an Geburtstagen Schokolade oder Blumen oder wenigstens ein Kärtchen … Das Verhältnis zur Agentur kann ein rein geschäftliches sein, bei manchen wird daraus eine lebenslange Freundschaft, etwas Familiäres. Agenturen sind dazu da, die Interessen ihrer Autor*innen rundum zu vertreten. Und das ist normalerweise sehr viel mehr als nur ein paar Verlagen eine Mail mit einem angehängten Manuskript zu schicken.

Die Suche nach der richtigen Agentur ist nicht immer leicht. Einige wechseln erstmal diverse durch, bis sie die richtige gefunden haben. Es kann nicht immer alles klappen. Manche sagen irgendwann: Ich bin unzufrieden, ich probiere es ohne. Das klappt am besten, wenn man sich mit Verträgen gut genug auskennt und die Verhandlungen über den Vorschuss auch selbst durchziehen will. Wenn man dann vielleicht auch noch ein paar Bücher vorweisen kann, die schon gemacht wurden. Manche Autor*innen sind einfach keine Agenturtypen und kriegen das prima selbst hin. Wie gesagt, keine Regel ohne Ausnahme.

Auf Verlagsseite freue ich mich immer über Gespräche mit Agenturen. Mir sitzen dann Menschen gegenüber, die für ihre Autor*innen brennen. (Und viele Menschen, die ich kenne, können viel besser andere Leute gut verkaufen als sich selbst.) Die von deren aktuellen Projekten schwärmen und total stolz auf sie sind. Und ich weiß eben auch um diese Vorauswahl, die bereits stattgefunden hat. Dass man mir als Verlegerin, uns als Verlag eben nicht jeden Text anbietet, sondern schaut, wofür wir uns interessieren könnten. Dass wir Sachen suchen, die eben nicht in die üblichen Genreschubladen passen. Dass man mir nicht grammatikalisch wirres und inhaltlich krudes Zeug anbietet (man glaubt ja nicht, was sich unter den unaufgefordert eingesandten Manuskripten so alles findet, leider). Es gefällt mir natürlich nicht immer alles, wie auch, und manche Autor*innen sind für einen kleinen Verlag dann schon zu groß, oder wir sind nicht die Richtigen, um einen Text ans Publikum zu bringen und müssen deshalb ablehnen, aber mir macht es Freude, mich mit diesen vorausgewählten Texten zu beschäftigen. Um dann beim nächsten Termin mit der Agentur zu sagen: Das hat mir gefallen, das leider nicht. Statt täglich Absagemails schreiben zu müssen – oder schreiben zu lassen, weil sich jemand mit den Kochrezepten aus Urgroßmutters Nachlass („Scans der Originale in Sütterlin im Anhang, Sprache vermutlich Schlesisch“) zu uns verirrt hat, oder weil ein verblendeter Männerrechtler glaubt, seine frauenfeindlichen Pornoschriften seien ausgerechnet bei uns besonders gut aufgehoben.

Gerade um die Buchmessen herum kommen dann wieder sehr viele Einsendungen. Oder an Feiertagen. Weihnachten ist ganz gefährlich für mein Mailpostfach, oder lange Wochenenden mit Brückentagen. Manche Menschen machen sich nicht einmal die Mühe, unsere Namen herauszusuchen, sie schreiben dann „An den Verlag“ oder „Bitte ans Lektorat weiterleiten“ und vergessen, den E-Mail-Verteiler mit den fünfzig Verlagen, an die sie ihr Manuskript verschicken, auf Blindkopie zu stellen. Das ist unelegant und wird in der Regel gar nicht beantwortet, also nicht mal abgesagt. Weil ich weiß, dass diese Menschen nicht einmal geschaut haben, ob ihre Texte zu unserem Programm passen. Schade eigentlich. Verlorene Lebenszeit. Deshalb: Wenn schon Kaltakquise, dann wie bei jeder echten Bewerbung – schauen, dass die Namen, auch der Verlagsname, richtig geschrieben sind, und ob das eigene Werk ins Programm passen könnte.

Wer also nicht in diesem kaum mehr zu bewältigenden Wust an Einsendungen, die fast reflexhaft abgesagt werden müssen, untergehen möchte, sollte sich einen anderen Weg der Kontaktaufnahme suchen. Eine Agentur ist, wie ich oben beschrieb, unserer Meinung und unserer Erfahrung nach der beste Weg – sofern man nicht ohnehin über eigene Kontakte verfügt, aber wer kennt schon alle Verlage? Literaturagenturen kann man sich im Internet heraussuchen, es gibt bereits einige Listen, die von hilfsbereiten Menschen zusammengestellt wurden. Am besten schaut man auch dort schon mal, wer von den Agenturen so alles vertreten wird und zu welchen Verlagen Kontakte bestehen.

Hier sind beispielsweise Links. Auch Verbände für Autor*innen können weiterhelfen. Und auch hier bekommt man wertvolle Informationen, oder hier. Vernetzen und Informieren ist auch in unserer Branche wahnsinnig wichtig.

EDIT: Natürlich suchen Verlage auch auf Indiebühnen und anderen Lesungen/Veranstaltungen, sie schauen sich Texte in Literaturmagazinen oder im Netz an, usw. Wir suchen aktiv, das ist klar. Wir suchen und finden. Ich halte trotzdem aus Autorinnensicht den Weg über eine -seriöse!- Literaturagentur für eine gute Idee. Ausdrücklich auszunehmen ist selbstverständlich der Bereich des Selfpublishing, da herrschen ganz andere Voraussetzungen und Regeln, das ist hier aber nicht das Thema.

(Und sollte doch jemand auf gut Glück im Direktkontakt einen Verlag finden wollen: Bitte dran denken, dass kein Verlag Geld nimmt. Verlage zahlen Geld. Es ist vielleicht nicht immer ein dicker Vorschuss, manchmal sogar nur ein winziger, aber Autor*innen werden an den Verkäufen beteiligt. Niemals zahlen Autor*innen für Lesungen oder Präsentationen auf Messen oder für Lektorate oder Cover oder gar den Buchdruck. Nicht, wenn es sich um einen seriösen Verlag handelt. Wie schon erwähnt gilt dasselbe für Agenturen, siehe oben.)

 

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